Freitag, 28. Juli 2017

Verborgene Geschichte: Die geheime Entstehung des Ersten Weltkriegs

Von Antony C. Black
Übersetzt von wunderhaft


[Anm: Alle mit einem * gekennzeichneten Links wurden vom Übersetzter zusätzlich eingefügt und sollen dem besseren Verständnis des 16-seitigen Beitrags dienen. A.]


Eine Rezension des Buchs, Hidden History, von Gerry Docherty & Jim Macgregor



19. Juli 2017, Global Research
Von den vielen Mythen, die den modernen politischen Verstand in Nebel hüllen, verdirbt keiner das Verständnis so sehr und ist so inkongruent mit historischen Fakten wie die Vorstellung, daß die Wohlhabenden und Mächtigen keine Komplotte schmieden.

Sie tun das.

Sie verschwören sich regelmäßig, gewohnheitsmäßig, effektiv und in einem unvorstellbaren Maß. Diese Verschwörugstatsache zu bestreiten bedeutet sowohl die überwältigenden empirischen Beweise als auch den elementaren Verstand zu leugnen.

Nichtsdestotrotz ist dies für den aufmerksamen Beobachter des ´Großen Spiels´ eine nie versiegende Quelle der Verwunderung, über immer erstaunlichere Beispiele monströser Machenschaften zu stolpern, zu denen die wohlhabenden und mächtigen Eliten fähig sind. Tatsächlich stürzen sich Docherty und Macgregor genau an diesem Punkt ins Getümmel und drohen uns vollständig den Atem zu rauben.

Folglich, so sagen sie uns, ist die heiliggesprochene Geschichte über die Entstehung des Ersten Weltkriegs von Anfang bis Ende eine unvorstellbare Lüge. Selbst bezüglich des konspirativen Punktes, so die These der Autoren – und um den späten Churchill zu interpretieren, der hervorragend in diese frühere Geschichte paßt – wurden niemals so unnötig so viele Menschen für den Ehrgeiz und den Profit so weniger umgebracht.

Durch die Zerstörung der vielen Plattitüden, die sich um die Entstehung des ´Großen Krieges´ ranken (einschließlich der ´Deutschen Schuld´, den Friedensbemühungen der Briten, der belgischen Neutralität und der ´Unvermeidbarkeit´ des Krieges), legen Docherty und Macgragor den Finger auf etwas, das sie zur wahren Quelle des Konflikts erklären: eine mehr oder weniger geheime Kabale britischer Imperialisten, deren gesamte politische Existenz sich für eineinhalb Jahrzehnte der Gestaltung eines europäischen Krieges zur Zerstörung des neu aufgestiegenen kommerziellen, industriellen und militärischen Rivalen des Britischen Empires gewidmet hat, Deutschland.

Kurz, weit entfernt davon " im Schlaf in die globale Tragödie zu wandeln", so behaupten Docherty und Macgregor, "ist die ahnungslose Welt hinterhältig von einer geheimen Kabale von Kriegstreibern überfallen worden", deren Heimat nicht Berlin, sondern "London" war.

Ich muß gestehen einer solch markanten These bis zu einem gewissen Punkt folgen zu können, wenn auch nur in ihrem Grundprinzip. Schließlich ist ein direkter Blick auf die gegenwärtige politische Wirklichkeit wie ein Blick in den Rachen von Orwells Alptraum. Außerdem komme ich nach drei Jahrzehnten unabhängigen Journalismus zu dem Schluß, daß buchstäblich nichts von dem, was als ´Nachrichten´ präsentiert wird, auch nur entfernt der Wahrheit entspricht, sondern die herkömmliche Geschichtsschreibung und -darstellung selbst so falsch ist wie ein Drei Dollar Schein. Dennoch bedarf es eines oder zwei glaubwürdigen Argumenten. Lassen Sie uns ein paar davon betrachten, die in ´Verborgene Geschichte´ enthalten sind.


Die Spieler

Bevor wir uns Hals über Kopf in ein Labyrinth von Argumenten stürzen, ist es sinnvoll zunächst die zentrale Besetzung der Charaktere dieser tragischen Geschichte zu skizzieren.


Cecil Rhodes (Source Wikipedia)
Es begann mit Cecil Rhodes, dem Premierminister der Kapkolonie*, der jedoch, woran uns die Autoren erinnern, "in Wirklichkeit ein opportunistischer Besatzer war", dessen Geschick (Vermögen / Anm. d. Übers.) zu gleichen Teilen "auf der brutalen Unterdrückung der Einheimischen und den globalen Bergbau-Interessen des Hauses Rothschild beruhte. Rhodes hatte, offensichtlich, lange davon gesprochen eine ´Jesuiten-ähnliche Gesellschaft´ zu gründen, um die weltweiten Interessen des Britischen Empires voranzutreiben. Im Februar 1891 tat er, mit der Anwerbung der Dienste seines engen Partners William Stead, einem prominenten Journalisten, und Lord Esher, einem engen Berater der britischen Monarchie, genau das.

Bald darauf wurden zwei weitere Mitglieder in den inneren Zirkel der heimlich organisierten Gruppe aufgenommen: Lord Nathaniel (Natty) Rothschild aus der berühmten europäischen Bankendynastie und Alfred Milner, ein brillanter Akademiker und Kolonialverwalter, der schnell zum Organisations-Genie und fest entschlossenen Zeremonienmeister der Gruppe werden sollte.

Der innere Zirkel dieser vier wurden später ergänzt durch: Lord Northcliffe, den Inhaber der Zeitung ´The Times´, der die ergänzende Stelle einnehmen sollte in der britischen Öffentlichkeit Propaganda für einen Krieg mit Deutschland zu betreiben und diese dafür weich zu klopfen, Lord Salisbury und Lord Rosebery, die den Kreis um eine Vielzahl politischer Beziehungen bereichert haben, und Lord Edward Grey, dem als britischer Außenminister die Aufgabe zufallen sollte, bei der abschließenden Analyse im Jahr 1914 den letzten Nagel in den Sarg für den Frieden in Europa zu schlagen.

Von besonderer Bedeutung war die Einbeziehung von Prinz Edward (der bald König werden sollte), der, trotz seines Playboy-Image, tatsächlich ein scharfsinniger politischer Agent gewesen ist, dessen gesellschaftliche Streifzüge für das Schmieden der, oft geheimen, militärischen und politischen Bündnisse zwischen Rußland, Frankreich, Britannien und Belgien die perfekte Deckung boten.

Dieser innerste Prätorianer* streckte dann seine Tentakeln durch die energische Rekrutierung von deren `vereinigten Helfern` aus Myriaden tiefer gestellter Bürokraten, Bankern, Militäroffizieren, Akademikern, Journalisten und Staatsbediensteten, von denen, wie sich herausstellt, viele aus Balliol* und den All Souls Colleges* in Oxford stammten, in alle Bereiche der britischen (und letztlich auch der internationalen) Machthierarchie aus

Und auch der legendäre Churchill, reichlich aufgeblasen durch seinen eigenen Wortschwall und geschmiert mit Rothschild-Geldern, sollte seinen gesalbten Platz unter den kriegshungrigen, im Geheimen Auserwählten erhalten.


Frühe Abenteuer

Der erste Beutezug dieser elitären Kabale begann mit dem vorsätzlichen Schüren des 2. Burenkriegs* in Südafrika (1899 – 1902). In der Provinz Transvaal* war im Jahr 1886 Gold entdeckt worden, und die britischen Imperialisten hatten beschlossen es zu erbeuten. Nach mehreren fehlgeschlagenen Intrigen zum Sturz der Buren durch Rhodes selbst, handelte die geheime Elite mit einem As, als sie Alfred Milner zum Hohen Kommissar für Südafrika ernannte. Milner ergriff die Gelegenheit, begab sich, ohne Regierungsbeschluss, geradewegs in den Krieg und prakzizierte mit seiner berüchtigten Politik der verbrannten Erde und der unerbittlichen Forderung nach bedingungsloser Kapitulation die prinzipiell martialische Philosophie, die später gegen Deutschland zur Anwendung kommen sollte.

Eine Karte des Britischen Empire in seiner Ausdehnung vor dem 2. Burenkrieg (1899-1902). (Quelle: Wikimedia Commons)


Nach der Niederlage der Buren unterwanderten Milner & Co. (Rhodes war während der Friedensverhandlungen gestorben) kurzerhand die Schlüsselorgane der britischen Imperialregierung, das Außen- Kolonial- und Kriegsministerium. Arthur Balfour setzte im Jahr 1902 mit der Gründung des Committee for Imperial Defence* (CID) noch einen drauf. Letzteres hat sich in den Jahren, Monaten und Tagen, die zu den Ereignissen im August 1914 führten, als besonders wirkungsvolles Werkzeug für die fast vollständige Umgehung des britischen Kabinetts erwiesen. Tatsächlich sollte Balfour zu einem der einzigen zwei ständigen Mitglieder dieser äußerst wichtigen imperialistischen Institution werden; der andere war Lord Fredrick Roberts, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und ein enger Freund Milners. –Es war Roberts, der später zwei schrecklich inkompetente Mitläufer ernennen sollte, Sir John French and Douglas Haig, die auf ihren Posten im Ersten Weltrieg den Massenmord an hunderttausenden alliierter Soldaten beaufsichtigt haben.

Im Jahr 1902 wurde auch das Anglo-Japanische Bündnis* geschlossen. Britannien war lange um sein Imperium im Fernen Osten in Reichweite Rußlands besorgt und forderte als Gegengewicht die Unterstützung durch Japan. Das Bündnis trug im Russisch-Japanischen Krieg* von 1904-1905, in dem Rußland eine entscheidende Niederlage erfuhr, Früchte. Immer das langfristige Ziel, sprich einen Krieg mit Deutschland, vor Augen, haben Milner und andere geschickt den Köder gewechselt und umgehend damit begonnen Zar Nikolaus II zu umwerben, was zur Anglo-Russischen Konvention* von 1907 geführt hat. Zur selben Zeir (im Jahr 1904) beendete Britannien – mit wesentlicher Unterstützung von Edward VII – seine fast tausend Jahre währende Feindschaft mit Frankreich auf und unterzeichnete mit dem einstigen Gegner die Entente cordial*.

Im selben Zeitraum (1905) wurde eine, mehr oder weniger geheime, Vereinbarung mit König Leopold II getroffen, die es Belgien erlaubte den Freistaat Kongo zu annektieren. Dies war im Grunde ein Bündnis zwischen Britannien und Belgien, das im Verlauf des nächsten Jahrzehnts durch zahlreiche (meist geheime, sprich unter Umgehung des britischen Parlaments ausgehandelte) bilaterale militärische Abkommen und ´Absichtserklärungen´ kontinuierlich vertieft worden ist und Belgien unmißverständlich die Rolle einer Art ´neutralen Partei´ in dem aufsteigenden Konflikt mit Deutschland zugewiesen hat.

Das Kernbündnis, sprich das zwischen Britannien, Rußland, Frankreich und Belgien, das dazu benötigt wurde sich der Lehnstreue und Huldigung der britischen Kolonien zu versichern, war nun vollständig. Mit Milners Hilfe wurde leztlich die Imperial Press Conference von 1909 einberufen, ein Treffen von etwa 60 Zeitungsverlegern, Journalisten und Schriftstellern aus dem gesamten Empire mit weiteren ca. 600 britischen Journalisten, Politikern und Militärangehörigen, das zu einer großen Orgie kriegstreiberischer Propaganda wurde. Die martialische Botschaft wurde der Schar ahnungsloser Kolonien dann auftragsgemäß zugestellt. Der Erfolg der Konferenz wurde besonders deutlich in Kanada sichtbar, das, trotz heftiger Meinungsverschiedenheiten zu diesem Thema, 640.000 seiner Soldaten auf die Schlachtfelder nach Europa entsandt hat.


Die Marokko-´Krise´*

Docherty und Macgregor erinnern uns gebührend daran, daß die namhafte Historikerin, Barbara Tuchmann, in ihrem mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten  Buch, ´August 1914´*, "verdeutlicht hat, daß Britannien sich spätestens im Jahr 1911 zum Krieg entschieden hat". Tatsächlich jedoch waren die Kriegsvorbereitungen seit spätestens 1906 vorangeschritten.

Dennoch markierte das Jahr 1911 einen Wendepunkt, an dem die geheime Elite ihren ersten Versuch unternahm einen Krieg mit Deutschland zu entfachen, Der Vorwand war Marokko. Nun, um die Wahrheit zu sagen, hatte Britannien, anders als Frankreich und Deutschland, keine direkten kolonialen Interessen in Marokko. Zu jener Zeit hatte die Kabale in London – unter dem damaligen Außenminister Edward Grey – einen französischen Schlüssel-Minister, Theophile Declasse, in ihr Vertrauen gezogen und waren in der Lage in Fez ein Ereignis zu inszenieren, welches im Grunde eine Operation unter falscher Flagge gewesen ist. Frankreich besetzte die Stadt daraufhin mit seiner Armee. Deutschland reagierte mit der Entsendung eines kleinen Kanonenbootes nach Agadir minimalistisch, worauf die gesamte britische Presse – die die Interessen des Tiefen Staates in Großbritannien vertrat – in Hysterie verfiel und Deutschland, unter anderem, für die ´Bedrohung britischer Schiffahrtswege verurteilte´. Die Lunte zum Krieg wurde im letzten Moment erstickt, als Frankreichs (kurz vorher gewählter) sozialistischer Premierminister, Joseph Caillaux, Friedensgespräche mit dem Kaiser aufnahm. Der Krieg mit Deutschland sollte noch warten.

In der Zwischenzeit setzte Britannien unter Leitung ihrer geheimen Mandarine – sprich fast gänzlich außerhalb jeder parlamentarischen Kontrolle oder Billigung – ihre Kriegsvorbereitungen fort. Zu diesem Zweck verlegte Churchill, der im Jahr 1911 zum First Lord of the Admirality ernannt worden ist, die britische Atlantikflotte von Gibraltar in die Nordsee und die Mittelmeerflotte nach Gibraltar. Gleichzeitig wurde die französische Flotte aus dem Atlantik abgezogen, um Britanniens Abwesenheit im Mittelmeer auszugleichen. Diese Manöver waren alle gegen Deutschlands Nordseeflotte gerichtet. Die Figuren auf dem weltweiten Schachbrett wurden in Position gebracht.

Eine Tafel weist eine Bank als Mitglied der Federal Reserve aus (Quelle: Wikimedia Commons)
In Frankreich wurde der linke Pazifist, Caillauux, im Jahr 1913 als Premierminister durch einen der ureigenen ´Helfer´ der britischen Elite in Person von Raymond Pointcare ersetzt, einem rechten, fanatischen Germanophoben. Sehr bald machte er sich daran seinen kriegsfeindlichen Botschafter in Rußland, George Louis, durch den Revanchisten, Declasse, zu ersetzen. Unterdessen schmidete die geheime Kabale in Amerika, wo sie weitgehend durch die Pilgrims Society und die Häuser Morgan und Rockefeller agierte, Intrigen, um  einen unbekannten aber biegsamen Demokraten zu erhalten, Woodrow Wilson, der über den öffentlich kontrollierten Bankenanwalt, Präsident Taft, gewählt worden ist. Von seiner einflußreichen Stellung aus gründete der anglo-amerikanische ´Tiefe Staat´ mit dem US Federal Reserve System eine private Zentralbank, die von Anfang an für die Finanzierung des Krieges gegen Deutschland bestimmt war.


Die Balkan-Strippe

Wie Docherty und Macgregor uns berichten,enthält die einfache, bis zum Erbrechen wiederholte Geschichte bezüglich der Umstännde der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juno 1914, gewissermaßen, ebenso wenig Wahrheit wie die offizielle Version der Ermordung John F. Kennedys zwei Generationen später. Tatsächlich sind die Ähnlichkeiten – vom buchstäblich vollständigen Abzug der Sicherheitsbeamten bis zu deutlichen Hinweisen auf staatliche Komplizenschaft (die in diesem Fall in Serbien begann aber geradewegs nach London führte) – bemerkenswert. Es genügt darauf hinzuweisen, daß es dort eine Domino-ähnliche Kette von Ereignissen gab, die dann abgelaufen ist – die Ereignisse wurden einfach nicht, wie üblicherweise dargestellt, von niederen Instinkten und unvorhersehbaren Kräften jenseits jeder menschlichen Kontrolle gesteuert, sondern vielmehr von berechnenden Köpfen und konspirativer Planung.

Daher gab es unmittelbar nach der Ermordung breite internationale Unterstützung für Österreich-Ungarn, welches als die geschädigte Partei betrachtet worden ist. Nichtsdestotrotz ist es den üblichen Verdächtigen, die in erster Linie geholfen hatten den Mord zu inszenieren, gelungen die Propagandatafeln mit raffinierter List geschickt gegen sowohl Österreich als auch Deutschland zu wenden. Die geheime Kabale war, nachdem sie im insgeheim an den Inhalt der österreichischen ´Note´ gelangt war, welche (aus nach den Umständen verständlichen Gründen) Reue von Serbien forderte, in der Lage direkten Einfluß auf die Formulierung der ´serbische Antwort´ zu nehmen. Die ´Antwort´ wurde freilich so gestaltet, daß sie für Österreich unannehmbar war. Zur selben Zeit brach Frankreichs Präsident, Poincare, nach Moskau auf, um dem Zar und seinen Generälen zu versichern, daß, falls Deutschland handeln sollte, um seinen Bündnisverpflichtungen gegenüber Österreich nachzukommen, Frankreich Rußland durch den Beginn eines ausgewachsenen Krieges absichern würde. Frankreich wußte natürlich, daß England – oder vielmehr seine imperialistische Clique – ähnlich bereit zum Krieg gewesen ist. Es war zu jenem günstigen Moment, als Grey und Churchill den Erwerb eines anglo-persichen Erdölunternehmens vorangebracht haben, um der britischen Marine die notwendigen Öllieferungen zu sichern.

Derweil waren Kaiser Wilhelm und Kanzler Bethmann offenkundig die einzigen Staatsmänner, die ernsthaft um Frieden bemüht waren. Ihre anschließende Verunglimpfung durch Horden entsprechend stubenreiner Historiker hat somit den gleichen Geschmack wie die Dämonisierung von Nationen und Individuen, die sich in der Gegenwart dem amerikanischen Imperium widersetzen.


Greys Heimspiel

Nachdem die Flammen eines regionalen Feuers auf dem Balkan zu einem generellen europäischen Inferno entfacht worden waren, wandten der britische Außenminister, Grey, und Premierminister Asquith jeden schmutzigen Trick aus dem Drehbuch der Diplomatie an, um jede Möglichkeit für Frieden zunichte zu machen und stattdessen den Krieg zu garantieren.

Am 9. Juli z.B. wurde dem deutschen Botschafter in London, Prinz Lichnowsky, wiederholt von Grey versichert, daß Britannien keinen Geheimverhandlungen beigetreten war, die zu einem Krieg führen sollten. Dies war selbstverständlich eine ausgemachte Lüge. Am 10. Juli ließ er dann das Parlament in dem trügerischen Glauben, daß Britannien sich keinerlei Sorgen darüber machte, daß die Ereignisse in Sarajevo zu einem kontinentalen Krieg führen könnten. Währenddessen wurde der österreichische Premierminister, Berchtold, ähnlich von den drei Regierungen der Entente darüber getäuscht, daß ihre Reaktion auf die ´Note´ nicht über einen diplomatischen Protest hinausgehen würden. Allerdings machten eben diese Regierungen in der 3. Juliwoche eine Kehrtwende und wiesen Österreichs Antwort vollumfänglich zurück. 

Am 20. Juli reiste der französische Premierminister, Poincare, wie schon angemerkt, nach St. Petersburg, um sich der Kriegsvereinbarungen beider Nationen noch einmal zu versichern. Am 25. Juli erschien Lichnowsky mit einer verzweifelten Bitte der deutschen Regierung  unangekündigt beim britischen Außenministerium mit der sie Grey beschwor seinen Einfluß geltend zu machen, um die russische Mobilmachung zu beenden. Unglaublicherweise war niemand verfügbar, um ihn zu empfangen. Rußland hatte, auf alle Fälle, am 23. July unauffällig mit der Mobilisierung seiner Streitkräfte begonnen, während Churchill am 26. Juli mit der dezenten Mobilisierung der britischen Flotte in Spithead begann.

Selbstverständlich entzogen sich diese Vorgänge, laut Docherty und Macgregor, der demokratischen Kontrolle:
"Was die (britische) Öffentlichkeit anbelangte, geschah nichts Besorgniserregendes. Es war nur ein weiteres Sommerwochenende."
Am 28. Juli erklärte Österreich Serbien den Krieg, obwohl es zu einer Invasion innerhalb weiterer vierzehn Tage nicht in der Lage gewesen ist. In der Zwischenzeit begann das britische Außenministerium Gerüchte zu streuen, daß Deutschlands Kriegsvorbereitungen weiter fortgeschritten waren als die Frankreichs und Rußlands, obwohl das genaue Gegenteil der Fall war. Die Dinge gerieten schnell aus Wilhelms Kontrolle.

Am 29. flehte Lichnowsky bei  Grey erneut um eine Verhinderung der Mobilisierung Rußlands an Deutschlands Grenzen. Grey Antwort bestand im Verfassen von vier Botschaften an Berlin, die, wie Nachkriegsanalysen bewiesen haben, in Wahrheit niemals abgeschickt wurden. Die Botschaften stellten sich nur als fester Bestandteil der abgekarteten Farce heraus, die es aussehen lassen sollte als ob Britannien (und besonders Grey) alle in seiner Möglichkeit stehende tat, um den Krieg abzuwenden. Ebenfalls am Abend des 29. trafen sich Grey, Asquith, Churchill und Richard Haldane, um darüber zu diskutieren, was Asquith den ´kommenden Krieg´ genannt hat. Docherty & Macgregor heben erneut hervor, daß diese vier Männer buchstäblich die Einzigen in Britannien waren, die von dem drohenden Unheil wußten, was bedeutet, daß weder die anderen Kabinettsmitlieder noch die Parlamentsmitglieder noch die britische Öffentlichkeit davon Kenntnis hatten. Sie jedoch waren es, die es geplant hatten.

Am 30. telegraphierte der Kaiser einen aufrichtigen Appell für Verhandlungen zur Verhinderung von Feindseligkeiten. Tatsächlich war Nikolaus so bewegt von Wilhelms Plädoyer, daß er seinen persönlichen Unterhändler, General Tatishchey, nach Berlin entsandte, um einen Frieden auszuhandeln. Unglücklicherweise kam Tatishchey nie in Berlin an, weil er in eben dieser Nacht von dem russischen Außenminister, Sazonow, der, wie ´Hidden History´ überzeugend darlegt, seit langem ein Agent der geheimen Kabale in London gewesen ist, gefangengenommen und inhaftiert worden ist. Unter anhaltendem Druck führender Mitglieder seines Militärs hat Nikolaus schließlich eingelenkt und am Nachmittag des 30. Juli die Generalmobilmachung angeordnet.

Die offizielle Verkündung der russischen Mobilmachung hat definitiv sämtliche Türen für einen Frieden verschlossen. Als den Deutschen klar wurde, daß ihnen eine Falle gestellt worden war und daß ihnen ein Krieg an zwei Fronten bevorstand – im Westen gegen Frankreich und im Osten gegen Rußland – befahlen sie am 1. August schließlich ihre eigene Mobilmachung; bezeichnenderweise als letzte der Kontinentalmächte. Hierbei beging Deutschland jedoch einen fatalen taktischen Fehler. Der Tradition verpflichtet, beschloß es im Anschluß an seine Mobilmachung Frankreich den Krieg zu erklären. Hierdurch geriet es noch tiefer in die Falle, die ihm von Grey & Co. gestellt worden war, welche auf dem gesamten Weg traditionell alles so intrigiert hatten, daß ein Krieg garantiert war, ohne allerdings dabei erwischt worden zu sein ihn offiziell selbst verursacht zu haben.

Noch hatte Grey eine letzte Karte zu spielen, um sowohl das kriegsvorsichtige Kabinett als auch das House of Commons davon zu überzeugen ihre Vernunft über Bord zu werfen und sich kopfüber in einen ausgewachsenen paneuropäischen Krieg zu stürzen. So, wie der Mythos von "Waffenvernichtungswaffen" in späteren Zeiten dazu dienen sollte amerikanische Aggressionen voranzutreiben, trug hier der Mythos vom armen, gottverlassenen und ´neutralen Belgien´ die Fahne für den britischen Imperialismus.

Die Rede, die das Schicksal von Millionen besiegelte

Am 2. August berief Premierminister Asquith eine Sondersitzung des Kabinetts ein, um über die (herbeigeführte) Krise zu debattieren. Obwohl das Kabinett nicht in der Stimmung war eine britische Beteiligung an einem Kontinentalkrieg zu billigen, fühlten sich seine Mitglieder bald ´durch Enthüllungen eines Netzwerks von (militärischen und politischen ) Verpflichtungen umzäunt und unter Druck gesetzt, über die ihnen versichert worden war, daß es sich nicht um Verpflchtungen handle, [und] mit denen sie umgeben worden waren, während sie  schliefen´. Außerdem hat Grey ihnen die entscheidende Tatsache vorenthalten, daß der deutsche Botschafter, Lichnowsky, nur einen Tag vorher (am 1. August) ausdrücklich die Neutralität Belgiens angeboten hatte. Tatsächlich wäre Greys Täuschung möglicherweise niemals ans Licht gekommen, außer durch die Tatsache, daß Kanzler Bethmann das Angebot am 14. August im Reichstag offengelegt hat.

Mit einem reichlich vor die Stirn geschlagenen, verwirrten und getäuschten Kabinett – sprich Asquith hatte bereits, ohne das Wissen und Zustimmung des Kabinetts, Befehle zur Mobilmachung von Heer und Marine erteilt – bedurfte es nur noch der Täuschung des Parlaments. Und so bestieg Sir Edward Grey am 3. August 1914 die Kanzel und begann mit einer Lobrede auf die Torheit des Friedens und die Tugend des Kriegs. Auch hier waren die Zuhörer nicht besonders aufnahmefähig, jedoch gewann die Moralpredigt schon bald an Fahrt.

Nachdem er den Akzent zunächst darauf gesetzt hatte, daß der ´Friede in Europa nicht gewahrt werden kann´, wechselte Grey daraufhin zu einer erstaunlichen Serie von Lügen und Mißinterpretationen bezüglich der komplizierten und ausgiebig formulierten Militärabkommen zwischen England, Frankreich, Rußland und Belgien. Laut Grey existierten sie nicht. Was aber mit der Vielzahl an diplomatischen Vereinbarungen? Es gab keine solchen Vereinbarungen, und es gab keine solchen Verflechtungen. Das Parlament war frei nach seinem Gewissen zu entscheiden und sein demokratisches Mandat auszuüben. Natürlich nur so lange es sich nicht für Frieden entschied.

All das Vorangegangene war, auf alle Fälle, nur ein Vorwort zum Kern der täuschenden Rede von Grey: Der belgischen Neutralität. Das es sich bei Letzterer um einen ausgemachten Schwindel gehandelt hat, wurde von Grey nur durch die Verheimlichung von Deutschlands Angebot einer Garantie exakt dieses Verhandlungspunkts, sprich die belgische Neutralität, übertroffen, und zwar nicht nur vor dem Kabinett, sondern auch vor dem Parlament. Stattdessen produzierte Grey auf dramatische Weise ein emotionales Telegramm des Königs von Belgien an König George, in dem dieser um Beistand flehte. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können, wenn er vorsätzlich für diese Gelegenheit gewählt worden wäre. Was er in der Tat war. Genauso vorher geplant waren die Bekenntnisse zugunsten des Kriegs von verschiedenen Parteiführern der Opposition nach der Predigt. Sie wurden alle gründlich geprüft und von Churchill am Tag vor der Sitzung auf Linie gebracht. Nur Ramsey MacDonald, der Kopf der Labour Party, schwamm gegen die wohl orchestrierte Flut der ´Unausweichlichkeit´ an, welche das feste und unfehlbare Leitmotiv von Greys martialischer, endlosen Rede war.

Die Sitzung des Tages endete ohne Debatte; Asquith hatte eine solche nicht erlaubt, obwohl er vom Sprecher des Hauses gedrängt worden war, später an diesem Abend wieder zusammenzukommen. In der Zwischenzeit hat Grey den Handel, sprich den Krieg, besiegelt, indem er ein Ultimatum an Deutschland richtete, daß forderte nicht in Belgien einzumarschieren, obwohl er, Grey, wußte, daß eine solche Invasion bereits begonnen hatte. Dies war, wie Docherty und MacGregor es formulieren, eine "Meisterleistung". Der Krieg war nun nicht mehr zu verhindern. Und obwohl die nächtliche Sitzung aus einer lebhaften und substantiellen Debatte bestand, die Greys Standpunkt stark demolierte, war alles umsonst. Zum festgesetzten Zeitpunkt erhob sich Arthur Balfour, "ehemaliger konservativer Premierminister und Mitglied des inneren Zirkels der geheimen Elite, bedrohlich. Er hatte genug." Mit dem ganzen Gewicht seiner Amtsauthorität mißbilligte und verhöhnte er die Argumente gegen den Krieg der Pessimisten und wies sie als ´letzten Abschaum und Bodensatz der Debatte´ zurück. Die letzte Chance für Frieden in Europa endete damit, daß das House of Commons* auf diese herrische Art zum Schweigen gebracht worden ist.

Plus ça change

Was einen beim Lesen von "Hidden History" wieder und wieder beeindruckt ist der Ring der Wahrheit, der aus jeder Seite, aus jeder Offenbarung widerhallt. Daß eine so kleine elitäre Gruppe von Einzelpersonen, vollständig außerhalb der demokratischen Kontrolle, über das Schicksal – und den Tod – von Millionen bestimmt, sollte uns schockieren. Es sollte, aber tatsächlich tut es das nicht. Dem ist so, weil wir derzeit dasselbe Phänomen, wiederholt, vor unseren eigenen Augen geschehen sehen. In der Tat ist der derzeitige ´permanente Kriegszustand´, mehr oder weniger, die Bewußtlosigkeit der Moderne an sich.

Docherty & Macgregor haben hier einen guten Beitrag geleistet. Sie gingen darüber hinaus, was David Irving so treffend als ´Gerichtshistoriker´ bezeichnete, sprich jene Historiker, die sich für den Konsens der Elite / des Establishments prostituierten, und haben uns einen flüchtigen Einblick in das gegeben, was es wirklich bedeutet Geschichte zu schreiben. Und wenn es hier eine Lehre gibt – oder vielmehr das Gegenteil davon – die wir hieraus ziehen können, ist es, daß wir so lange dazu verdammt sind die Geschichte zu wiederholen, so lange wir jenen zuhören, die dazu bestimmt sind sie zu verdunkeln und umzukehren. Kurz, jenen, die uns belügen.

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Title: Hidden History: The Secret Origins of the First World War

Authors: Gerry Docherty and Jim MacGregor

Publisher: Mainstream Publishing; Reprint edition (September 1, 2014)

ISBN-10: 1780576307

ISBN-13: 978-1780576305










Und hier die deutschsprachige Version:


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Gebunden, 494 Seiten, zahlreiche Abbildungen

Verlag: Kopp Verlag

Artikelnummer : 940900

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